5. April 2013

Langstreckeneislauf aus der Sicht eines Deutschen

Wandern in den Bergen ist in Deutschland ein beliebter und allseits bekannter Freizeitsport. Wandern auf dem Eis mit Schlittschuhen hingegen ist hier größtenteils unbekannt. Eissorten abseits der Eisdiele? Abschnallbare Kufen? Isdubbar? Fahren auf Eisschollen? Mehrere dutzend Kilometer? Gefährlich? Eine Geschichte eines deutschen Anfängers über den ersten und intensiven Kontakt mit dem Langstreckeneislaufen in Schweden.

Hinsichtlich meines ersten, langen, dunklen Winters in Schweden war es eigentlich naheliegend, mir eine Wintersportart zu suchen. Dass ich dann beim Schlittschuhfahren auf langen Strecken landete, war allerdings der Verdienst eines Freundes unserer Familie. Der Reiz diesen Sportes ähnelt dem Reiz des Bergwanderns. Beim Schlittschuhfahren ist man wesentlich flotter unterwegs, dafür ist die Möglichkeit Gipfel zu ersteigen, sehr begrenzt.

Bis dahin waren mir in Deutschland nur die folgenden Beschäftigungen für die Allgemeinheit auf dem Eis bekannt: das Fahren im Kreis in einem Eisstadion, das Fahren kreuz und quer auf einem kleinen See, das Eishockeyspielen auf einem kleinen See, und das Eisstockschießen. Keine davon ist mit dem, in Schweden unter dem Namen långfärdsskridskoåkning bezeichneten, “Langstreckeneislauf” zu vergleichen. Das bringt auch ein Artikel in der ZEIT ganz gut rüber, welchen mir meine Schwedischlehrerin dankenswerterweise zugetragen hat:

Die Voraussetzungen für das Schlittschuhfahren über längere Strecken hinweg sind in Schweden ganz anders als in Deutschland. Schließlich möchte man nicht kilometerweise im Kreis fahren, was aber aufgrund der begrenzten Wasserflächen und den begrenzten Eisflächen in Deutschland kaum anders möglich wäre. An Wasserflächen in jeglicher Größe (und unterschiedlichem Salzgehalt, aber dazu später) mangelt es in Schweden hingegen nicht.

Als typischer Gedanke im Ausland kam mir aufgrund der vielen Gewässer in Stockholm bei Einbruch des Winters in den Sinn: hätte ich doch nur meine Schlittschuhe mitgenommen!. Meine Schnäppchen-Eishockeyschlittschuhe lagen allerdings gut daheim, denn in Schweden schnallt man sich vornehmlich Kufen mit einer Bindung an dafür ausgelegte Schuhe. Glücklicherweise sprach ich den typischen Gedanken aus und konnte solche Kufen zu meiner Überraschung aus dem Keller meiner Familie entnehmen. In diesen Vorrat sind sie allerdings auch unter schwedischem Einfluss geraten. Im Bild ist meine klassische Variante mit einem Schuh zu sehen, welcher an beiden Enden eingespannt ist. Im Gegensatz zu neuzeitlicheren Varianten kann man diese Schuhe auch mit alten Langlaufski benutzen. Mit den langen Kufen kann man es gut mit den Unebenheiten auf dem Natureis aufnehmen.

Nun jedoch zurück zu den Voraussetzungen. Erst braucht man Eis, und dann muss man wissen, ob das Eis einen auch trägt. Das ist in Deutschland so. Das ist in Schweden so. Eis und die Eisbildung ist wesentlich komplexer als angenommen, zumindest wenn ich von mir ausgehe. Wo sich Eis bildet und wo es wie schnell wächst hängt von einer Vielzahl von Faktoren ab, welche von den Liebhabern des Langstreckeneislaufs in Schweden seitenlang dokumentiert und studiert werden, wie zum Beispiel im “Stora boken om långfärdsskridsko”. Gute Vorhersagen von Eisbildung zusammen mit regem Austausch über das Internet und das Telefon leiten dazu, dass neues Eis auch schnellstens entdeckt und ausprobiert wird.

Mit dem Ausprobieren wären wir bei der zweiten Frage, nämlich ob das Eis hält. Diese kann man auf verschiedene Art und Weisen beantworten. Eine ebenso beliebte wie fahrlässige Methode ist, zu entscheiden, dass das Eis hält weil so viele andere der gleichen Meinung sind. Wohl überall auf der Welt zu finden. Die gängige Strategie beim Langstreckeneislauf ist es, das Eis zu lesen, mit verschiedenen Methoden auf Tragfähigkeit zu prüfen, und vor allem sich darauf vorzubereiten, dass das Eis auch mal nicht hält. Wenn man letzteres nicht tut, dann passiert zum Beispiel folgendes (Video in voller Länge):

Um im Unglücksfall bei Regressforderungen rechtlich keine Probleme zu bekommen, haben Kommunen in Deutschland auch schon mal zu drastischen Mitteln gegriffen: Eislaufen auf allen Seen verboten. Um den Einwohnern das Betreten des Eises trotzdem zu ermöglichen, schaut die Polizei einfach nicht vorbei und eine Zuwiderhandlung bleibt zudem bußgeldfrei. Ein Verbot, dass bei Bedarf straffrei ignoriert werden kann. Die rechtlichen Fragen bei einem Einbruch ins Eis kann man also auf eine solch geniale Art und Weise lösen. Die persönlichen allerdings nicht.

Für die persönliche Sicherheit gibt es sowohl zur Beurteilung des Eises auf Tragfähigkeit als auch zur Vorbereitung auf eventuelle Fehleinschätzung spezielle Ausrüstung. Unter anderem gehören Eisdorne (schwedisch isdubbar) dazu, ein speziell angefertigten Rucksack für besseren Auftrieb im Wasser, und Stäbe (ispikar) als Hilfe zum Testen der Eisstärke. Das alles ist ein Kapitel für sich und will nicht oberflächlich im Netz beschrieben werden. Für mich heißt es auf jeden Fall: üben, üben, üben. Konkret heißt das unter anderem: springe im Sommer samt Kleidung und Rucksack ins probeweise ins Wasser. Und dasselbe dann unter erschwerten Bedingungen im Winter. Weiterhin gilt es natürlich, die Fähigkeiten zur Beurteilung zur verbessern! Einen Kontrast zu vorherigem Video bildet ein gefilmter, absichtlicher Einbruch auf dünnem Eis:

In den vergangenen Touren des SSSK – ein Verein – legten wir jeweils mehrere dutzend Kilometer am Tag zurück. Das hätte ich letztes Jahr nicht geglaubt. Teilweise ging es raus in die Inselwelt der Schären, eine Herausforderung für die Kartenleser, welche mit erstaunlicher Sicherheit die aus meiner Sicht stets hübsch, aber ähnlich dreinschauenden Inseln identifizieren. Im Gegensatz zur Inselwelt hat man in den Bergen wenigstens Gipfel und Höhenprofile. Ist nach einer gewissen Strecke mal Pause angesagt, so geht es an das Ufer im Lee einer Insel, wo man geschwind seine Kufen abschnallt. Die Leeseite ist wichtig, denn der Wind bläst gelegentlich so stark, dass man bei Gegenwind im Konvoi fährt und bei Rückenwind bremsen muss. Letzteres ist kaum zu schlagen.

Aber nun mal Rechtsfragen, Ausrüstung, Orientierung und Risiken beiseite: all der Aufwand lohnt sich spätestens dann, wenn man sieht, welche Perspektiven sich einem eröffnen, wenn man sich über das Eis bewegen kann. Die Panoramen, welche sich in den Stockholmer Schären auftun, die postkartenperfekte Aussicht über das Eis in Richtung Stadshuset und Gamla Stan, der Blick auf das offene Meer, den Sonnenuntergang, welcher das Eis in Farben taucht. Der Winter mag kommen.